“Die Rettungshunde konnten nach 6 Tagen noch jemanden orten”
Eine Murtner Tierärztin hat nach dem Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet zu einigen Überlebensgeschichten beigetragen. Wie ist das gelungen?

Am Morgen des 6. Februars 2023 bebte die Erde im türkisch-syrischen Grenzgebiet mehrmals stark. Zehn Tage danach sind in beiden Ländern über 42'000 Todesopfer geborgen und mehr als 85'000 Verletzte registriert worden.
Gespenstische Szenen bei der Ankunft
Einen Tag nach dem Beben landete die Murtner Tierärztin Anna Geissbühler um vier Uhr nachts mit ihrem REDOG Rettungshundeteam in der Südtürkei. In der Hafenstadt Iskenderun war sie während einer Woche im Verbund mit der Rettungskette Schweiz und der türkischen Rettungsorganisation GEA im Einsatz und hat die Rettungshunde betreut, deren Aufgabe es ist, verschüttete Menschen zu orten. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz blickt sie mit uns zurück.
Ich wusste etwa, was uns erwarten würde.
"Als wir uns in Minibussen dem Einsatzgebiet genähert haben, sah es gespenstisch aus. Die Strassenbeleuchtung funktionierte nicht mehr und in der Dunkelheit sahen wir einen grossen Brand", erzählt die 56-Jährige. Sichtbar seien allmählich auch grosse Baumaschinen geworden, die sich unter Notbeleuchtung an den Gebäuden zu schaffen machten. Sie habe ungefähr gewusst, was sie und ihr Team in den folgenden Tagen erwarten würde, sagt Geissbühler, die schon vor knapp 20 Jahren mit REDOG im Iran nach einem verheerenden Erdbeben an einem Rettungseinsatz beteiligt war.
Fast 50 Menschen geortet und gerettet – ein grosser Erfolg
Die mitgeführten Rettungshunde sind fähig, Lebende unter Trümmern zu orten, wie die Tierärztin erklärt. "Es ist ein riesen Job, in einem zerstörten Gebäude neben allen Esswaren und anderen Gerüchen ein Mensch anzeigen zu können." In einigen Fällen ist das gelungen. Fast fünfzig der von den Rettungshunden geortete Menschen konnten von der nachfolgenden Rettungskette und ihrer türkischen Partnerorganisation lebend gerettet werden.
Der Fund jeder lebenden Person ist ein riesen Erlebnis.
Es sei seit langem die grösste von REDOG und der Rettungskette gefundene und lebend geborgene Anzahl Menschen, sagt Geissbühler. Dies sei auch der guten Organisation und der Zusammenarbeit mit lokalen Partnern vor Ort zu verdanken.
Trost und Verarbeitung in der Gemeinschaft
"Bitte suchen Sie hier nochmals nach meiner Frau und meinen Kindern, in dieser Ecke müssen sie sein", bat etwa ein Familienvater Geissbühler und ihr Team, mit Blick auf ein ehemals zehnstöckiges Gebäude, das auf ein paar Meter in sich zusammengefallen war. Dieser Mann habe wie viele andere sehr gefasst gewirkt, wobei bestimmt auch der Schock die Leute so habe funktionieren lassen.
Geissbühler glaubt, dass die Betroffenen in ihrer teils sehr engen Gemeinschaft gut aufgehoben sind und einander nach dieser Katastrophe und der immensen Verluste Trost spenden können.
Wir können Erlebnisse im Team gemeinsam verarbeiten.
Bei der Verarbeitung der Geschehnisse helfe ihr die eigene Familie, wenn sie jeweils wieder zu Hause sei. Ausserdem kenne man sich innerhalb des Rettungshundeteams gut und könne schon während eines Einsatzes reden und Dinge gemeinsam verarbeiten.
Im folgenden Audio spricht Anna Geissbühler über die Ausbildung und die Arbeit mit den Rettungshunden, über die grössten Herausforderungen vor Ort und warum sie diesen Job schon mehr als 20 Jahre macht.




