(OPEN) CLUB DAY - wir haben die Freiburger Clubs besucht

Am diesjährigen Open Club Day bleiben die Türen der Konzertlokale geschlossen. FRAPP hat die fünf Freiburger Clubs besucht und mit den Teams sowie mit Musiker*innen über Esprit, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven solcher kulturellen Räume gesprochen.

Der Open Club Day wurde 2015 von der Schweizer Bar und Club Kommission (SBCK) und vom Verband Schweizer Musikclubs und Festivals (PETZI) ins Leben gerufen. An diesem Tag öffnen Live-Musik-Locations und Clubs in der Regel tagsüber ihre Türen und laden das Publikum ein, zu entdecken, was hinter ihren Kulissen passiert.

Auch die Freiburger Clubs Bad Bonn, Ebullition, Fri-son, La Spirale und Nouveau Monde, die zusammen als „High-Five“ auftreten, beteiligen sich jeweils an besagtem Aktionstag. Erklärtes Ziel ist es, „die Verbindung von Veranstaltungsorten und Clubs mit ihren lokalen Gemeinschaften zu stärken, lokale Bühnen in ganz Europa in einer solidarischen Bewegung zu verbinden und ihre kulturelle, soziale und wirtschaftliche Bedeutung zu bekräftigen.“

Nouveau Monde

Vor fast einem Jahr wurden die ersten Massnahmen zur Eingrenzung der Coronapandemie beschlossen, mit bis heute anhaltenden Auswirkungen auf die Veranstaltungsbranche. «Nach 11 Monaten der Ungewissheit braucht es nun Perspektiven», heisst es in einer Mitteilung der Taskforce Culture, in welcher sich die Verbände des Kulturbereichs letzten März zusammengeschlossen haben. Herausforderungen gibt es viele. Nebst den existenziellen Unsicherheiten, mit denen sich Kulturinstitutionen, Kunst-, und Musikschaffende, oder auch Eventtechniker*innen konfrontiert sehen, wirft diese exzeptionelle Zeit zudem Fragen auf, die einerseits zu schmerzlichen Erkenntnissen führen, andererseits wichtige Prozesse in Gang setzen könnten. Wie wird man dem gesellschaftlichen Auftrag der Kulturvermittlung trotzdem gerecht? Wie funktioniert die Kulturbranche post Covid? Und ist direkte, physische Kulturerfahrung nicht auch essentiell für das Leben?

Bad Bonn

Auch für die fünf Freiburger Musikclubs Bad Bonn, Ebullition, Fri-Son, La Spirale und Nouveau Monde hängt der Horizont seit Monaten voller Fragezeichen. Nebst der Bearbeitung von stapelweisen Anträgen für Coronahilfen, Umsatzentschädigungen und Kurzarbeit versuchen die Clubs seit Beginn der Pandemie andere Formen der Kulturvermittlung aus. Einige hielten zu Beginn den Kontakt zum Publikum via Live-Streams und Diskussionen aufrecht, andere luden in den Lockerungsphasen des vergangenen Jahres zu schutzkonzepttreuen Veranstaltungen oder boten Musik- und Kunstschaffenden einige Tage ein Refugium für kreative Prozesse an. Doch en gros blieben die sonst so pulsierenden Räume der Verbindung und Entgrenzung in der Zwangsverpuppung.

La Spirale

„Kultur“ wurde in dieser Zeit weniger im Plenum gelebt, als in Berichten diskutiert, wobei vehement auf den wirtschaftlichen Faktor der Branche hingewiesen wurde. Veranstaltungsorte sind demnach „nur“ die Manifestationsräume eines weitverzweigten Ökosystems einer Gesellschaft.

So wirkte es in den vergangenen Monaten teils befremdlich, wenn Kulturerleben im öffentlichen und politischen Diskurs als Konsumgut missverstanden wurde, anstatt als der Botenstoff, der Individuen in einem gemeinschaftlichen Selbstverständnis verbindet. Ein Themenfeld, dessen Besprechung den Rahmen dieses Textes sprengen würde.

Fri-Son

Nebst der Diskussion – die Reflexion. In den Gesprächen mit den obgenannten Freiburger Clubs ging es oftmals um neue Konzepte, Perspektivenwechsel, Versuche der Reformulierung der Raison d‘être jener Orte, die durch Subventionen damit beauftragt werden, Kultur zu vermitteln. Schlussendlich auch die Frage danach, in welcher Form man aus diesem Zeitkokon schlüpfen möchte.

In den Videos, die diesem Artikel angefügt sind, sprechen die Teams der fünf Freiburger Clubs daher nicht nur über die Herausforderungen der letzten Monate und die Forderungen für die Gegenwart, sondern eben auch über die Veränderungen, die sich für die Zukunft abzeichnen. Es geht nicht mehr darum, eine vergangene Normalität zurückzuerlangen, sondern den Ist-Zustand als Ausgangspunkt zu nehmen. Fakt ist, und da sind sich auch die fünf Freiburger Clubs unter der High-Five-Flagge einig, dass sich die Kulturbranche in einer tiefgreifenden Transformationsphase befindet und nach der Pandemie anders funktionieren wird. Die Blaupausen dazu werden aktuell noch entworfen, doch es zeichnet sich ab, dass in der Kulturbranche der Fokus neu eingestellt wird und Themen wie Haltung, Solidarität, Kooperation, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit stärker gewichtet werden. Dazu gehören auch andere Inhalte: Weniger den Event schaffen, mehr eine progressive Entwicklung eines unendlichen Diskurses, mehr Prozess als Resultat. Und dadurch auch die unbedingt nötige Involvierung der Kunst- und Musikschaffenden. Die letzten Monate waren für die Clubs auch eine Gelegenheit, Neues auszuprobieren. Gerade diese Öffnung der Clubräume für kreative Versuche und Residenzen, sprich die Bereitstellung des Lokals für Projekte und Proben, inklusive professioneller Betreuung, pumpten nicht nur Leben in die verstummten Konzerthallen und Lärmstuben, sondern wurde auch von den Kunst- und Musikschaffenden enorm geschätzt und genutzt.

Ebullition

Das also Stand jetzt. Quo vadis? On verra! Die Metamorphose ist im Gange. Dies bedingt aber auch einen veränderten Diskurs über Kultur, einen Schritt weg von wirtschaftlichem Wert und hin zu gesellschaftlichem Mehrwert. Die Erfahrungen der letzten Monate seitens Clubs, Kunst- und Musikschaffenden sowie der Mitglieder unserer Gesellschaft zeigen, dass Kultur nicht bloss supplément zum Alltag ist. Kein Bedürfnis, dass wir auf ewig distanziert am Bildschirm stillen können. Das Erleben des Konzerts im Musikclub endet nicht mit dem letzten Ton, dem Einschalten der Lichter, der letzten Interaktion, der letzten Berührung, dem Tritt hinaus in die bald wohligen, bald dramatischen Nächte. Diese Orte bieten Raum für das menschliche Dazwischen – davor, derweil und danach.

Frapp - Valentin Brügger / LSchn