Abstraktere Gesten zum freieren Zuhören

Disco Doom haben Ideen, Soundpartikel und Klangelemente zu einem wunderbar verworrenen Labyrinth zusammengeknüpft. "Mt. Surreal" ist jetzt.

Für "Mt. Surreal" haben sich Disco Doom acht Jahre Zeit gelassen. © zvg

Disco Doom, die wandelbare Combo um Anita Rufer und Gabriele de Mario, arbeiten in mehreren Prozessen an den Songs, variieren auf kleinem Raum mit Klangideen, machen Experimente mit neuen Geräten hörbar und massieren regelrecht den Sound, bis der Albumkorpus darunter spürbar wird - so auch auf dem neusten Wurf Mt. Surreal.

Das zeigt sich bereits auf den ersten beiden Songs „Mt. Surreal“ und „Rogue Wave“, wobei sich die teils abstrakten Raumverschiebungen entlang einer klaren Stromlinie zu entwickeln scheinen. „Ohne ein konkretes Konzept zu verfolgen, ergibt sich durch diese Prozesse eine gewisse Linie“, erklärt Anita Rufer.

Die Arrangements der einzelnen Tracks auf Mt. Surreal sind teils über Monate hinweg entstanden, aber das effektive Aufnahmeprozedere fokussierte sich auf kürzeste Zeit. „Wir sind Bauchmenschen und suchen nach dem Take, das alle für uns wichtigen Aspekte vereint“, erläutert Gabriele de Mario. „Wichtig war aber vor allem, dass wir mehr Luft in der Musik haben und dass das Album perkussiver wird. Wie etwa bei "Static Bend", wo der Bass eigentlich das Schlagzeug mimt und das Drum soliert. Alle haben einen anderen Rhythmus und kreieren so dieses Wirrwarr“, erklärt de Mario.

Die Takes, inklusive allen Effekten, werden zudem direkt auf Bänder aufgenommen und nicht Piste für Piste am Computer digital zusammengefügt. „Wir wollen nicht das perfekte Album, sondern den intensiven Moment hörbar machen“. Spannend an dieser intuitiven Schaffensweise ist auch, dass sich Verbindungen zwischen Sounds, Songs und Stories teils erst ergeben, wenn der Entstehungsprozess des Albums bereits weit vorangeschritten ist. Positiver Nebeneffekt dieses munteren Fährtenlesens im kreativen Nebel sind die stilistisch breiten und eklektischen Würfe, die Disco Doom zu einer wunderbar unantizipierbaren Combo machen. „Uns interessiert es, immer wieder einen Schritt weiter zu gehen oder uns an irgend einen neuen Klangplatz zu begeben,“ erläutert Rufer. Ein Fokus, der sich nicht nur über die verschiedenen Alben von Disco Doom zeigt, sondern auch innerhalb der Werke hör- und fühlbar wird. Der dicht gewobene und fast diffus wirkende Sound des Albums evoziert eine Art Überrealität. Als würde hier hypersensitiv nach etwas Bestimmten gesucht, was aber nicht gefunden wird. Ein Umherirren, das durch die etwas ghostigeren Klänge auf der zweiten Hälfte der Platte noch intensiviert wird.

Mt. Surreal ist nicht nur passender Titel dieses mesmerisierenden Ton-Werks, sondern auch gelungene Metapher für ein intensives Empfinden von Gegenwart. Scheinbar dichter webt sich das Geflecht aus Meldungen, Meinungen, Mitteilungen, die klamm an unseren Rezeptoren liegen. Trotz dieser Sinnesreibung wirkt aber gegenwärtiges Leben für viele im hiesigen Kontext gefühlsarm und nur mit schlaffen Verbindungen zwischen Wahrnehmung und emotionaler Regung – eine Gleichzeitigkeit von äusserem Überfluss und innerem Vakuum. Zu viel und doch zu wenig, wie etwa auf "Patrik" beklagt wird. „Alltagsohnmacht, Informationsfluten, leere Kalorien, zu viel und doch zu wenig – all das ist surreal“.

Mt. Surreal ist am 16. September 2022 auf Exploiding in Sound erschienen.

RadioFr. - Valentin Brügger
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