Ein Manifest für die Würde

58 gemeinnützige Vereine und Hilfsorganisationen fordern Massnahmen, um die Armut im Kanton nachhaltig zu bekämpfen.

Das am Mittwoch präsentierte Manifest für die Würde hält am 7. Artikel der Schweizerischen Bundesverfassung fest. Darin steht: "Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen." Im Manifest stehen sieben konkrete Forderungen zur Verbesserung der Situation der Hilfsbedürftigen im Kanton Freiburg.

Stefanie Losey ist Mit-Initiantin des Manifests und arbeitet beim Solidaritätsdienst der Katholischen Kirche Freiburg und sagt: «Es ist nicht gerecht, dass jemand stundenlang anstehen muss, um etwas zu essen zu bekommen." Es sei unwürdig, dass jemand beim Sozialamt mit Formularen bombardiert werde, wenn man konkrete Hilfe erhalten möchte.

Forderung nach einer Offenen Tafel

Sieben Forderungen stehen im Manifest, so etwa das Recht auf Nahrung. In dem Sinne soll in Freiburg eine Offene Tafel entstehen. Michael Schweizer vom Verein Reper erklärt: "An einem solchen Ort könnte man in grösseren Massstäben Nahrungsmittel sammeln, weiterverarbeiten und auch deren Verteilung organisieren. Damit wird die Herausgabe des Essens so geregelt, dass ein Warten in Schlangen nicht mehr nötig ist." Weiter könne damit auch die Lebensmittelverschwenung reduziert werden.

Auch die Forderung zur Revision des Sozialhilfegesetzes steht auf dem Papier. Die bisherigen Rückerstattungsbestimmungen in der Sozialhilfe sei ein zusätzlicher Druck für betroffene Personen. Dazu Stefanie Losey: "Es existiert kein kantonales Gesetz, das überall die Gleichstellung garantiert. Zumeist liegt es im Ermessen des zuständigen Sozialdienstes vor Ort, über die notwendigen Massnahmen Entscheide zu fällen." Je nach Wohnort führe dies zu einer Ungleichstellung der Hilfsbedürftigen.

Armut immer noch ein Tabu-Thema

Von den 58 gemeinnützigen Vereinen und Hilfsorganisationen wurde auch darauf hingewiesen, dass das Thema Armut in der Gesellschaft oft nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wird. Betroffene würden vielfach stigmatisiert. Vor den Medien schilderte eine Frau ihre Erlebnisse. So sei sie trotz guter Ausbildung wegen unglücklicher Umstände 21 Monate auf Sozialhilfe angewiesen. Diese Erfahrungen seien für sie sehr schlimm gewesen, wobei sie nicht nur viel Druck erfuhr, sondern auch eine starkes Gefühl von Scham verspürte. Als "Sozialfall" zu gelten und die gesellschaftliche Stigmatisierung zu erfahren, sein sehr schlimm für sie gewesen und mahnt: "So etwas kann wirklich jedem passieren. Der Gang zur Sozialhilfe ist keine Wahl, die jemand freiwillig trifft."

Das Manifest für die Würde soll ein Appell an Gesellschaft, Behörden und Politik sein. Sie bietet einen Denkanstoss und möchte die öffentliche Diskussion eröffnen. Das Kollektiv Menschenwürde Freiburg hat zusammen mit diesem Manifest eine Petition lanciert, die interessierte Personen mit ihrer Unterschrift unterstützen können.

Pandemie rückt Probleme ans Tageslicht

Die Corona-Pandemie hat in vielen Bereichen Probleme ins Tageslicht gerückt. Sie zeigt, wie viele Menschen im Kanton Freiburg in prekären, wirtschaftlichen Verhältnissen leben. Stefanie Losey, stellt fest: "Unser Verein möchte mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln eine Armut bekämpfen, die bereits vorhanden ist und zum Teil gut versteckt ist. Corona hat die Prekarität intensiviert und sichtbarer gemacht."

Mehr Hilfsbedürftige als erwartet

Überraschend für die Hilfsorganisationen war die Anzahl der hilfsbedürftigen Menschen innerhalb des Kantons. Die vom Verein Reper organisierte Lebensmittelverteilaktion vom vergangen Jahr beispielsweise hat mehr Leute angezogen, als ursprünglich gedacht. Vereinsmitglied Michael Schweizer erinnert sich: "Darauf waren wir nicht vorbereitet. Wir rechneten zu Beginn mit der Verteilung von cirka 200 Hilfspaketen. Zum Schluss gaben wir pro Woche fast 14 Tonnen Nahrungsmittel heraus."

Hat die Arbeit der Hilfsorganisationen die Not der Menschen nicht etwas lindern können? Stefanie Losey verneint, das Problem bestehe weiterhin. Die Armut im Kanton Freiburg sei eine Realität. Sie fordert: "Die verschiedenen Initiativen müssen längerfristig geplant werden. Es kann nicht sein, dass man alles herunterfährt, wenn die Krise einmal vorbei ist."

Laut der Mit-Initiantin des Manifests soll mit der Aktion die Gesellschaft für dieses Problem sensibilisiert werden. Vor allem will man damit aber Behörden und Politik erreichen: "Wir hoffen wirklich, dass die verschiedenen politischen Instanzen mit uns in Kontakt treten, damit wir mit ihnen herausfinden, wie man die Forderungen des Manifests konkretisieren kann." Es brauche nachhaltige Lösungen, um gegen die steigende Armut im Kanton vorzugehen. Die Verantwortung liege bei der gesamten Gesellschaft.

Weitere Infos unter: www.dignite-fribourg.ch

RadioFr. - Valentin Brügger / faeb