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Chefredaktor von La Liberté zeigt Verständnis für Kritik

Rund zwanzig Frauen und Männer demonstrierten am Dienstag vor der La Liberté gegen die Veröffentlichung eines anstössigen Leserbriefs.

Die Demonstrierenden machten auch mit Kreide auf ihr Anliegen aufmerksam. © RadioFr.

Vor der Redaktion der La Liberté in Freiburg wurde es am Dienstag etwas laut. Ungefähr zwanzig Personen protestierten gegen den Abdruck eines zweideutigen Leserbriefs. In diesem werden junge Frauen als schöne Blumen beschrieben.

Die Demonstrantinnen und Demonstranten hoben direkt vor dem Eingang des Gebäudes Plakate empor. Diese waren mit Blumenketten geschmückt, als Anspielung auf den Inhalt des besagten Leserbriefs. Catherine Friedli vom Kollektiv Frauenstreik Freiburg erklärt, was die Demonstrierenden von der La Liberté einfordern: “Wir verlangen, dass sich die La Liberté bessert. Sie soll aufhören, solche dreckige Aussagen abzudrucken, die junge Mädchen sexualisieren. So etwas ist einfach inakzeptabel.“ Auch wenn die Zeitung diesen Text nicht selbst geschrieben habe, akzeptiere sie dennoch seine Veröffentlichung. Aus diesem Grund würden sie eine offizielle Entschuldigung des Chefredaktors Serge Gumy verlangen. “Zudem fordern wir eine Sonderseite für alle Organisationen, die heute hier versammelt sind, damit über die Vergewaltigungskultur gesprochen werden kann,“ ergänzt Friedli.

Keine Vergewaltigungskultur bei La Liberté

Der Chefredaktor von La Liberté, Serge Gumy, geht auf die Forderung ein, am Mittwoch eine Sonderseite zu diesem Thema zu veröffentlichen. Er verstehe, wieso die Personen demonstrieren, entgegnet aber: “Diese Kundgebung ändert für uns nicht viel. Es werden Forderungen gestellt, auf die wir sicher nicht vollumfänglich darauf eingehen werden. Ich wehre mich ganz klar gegen den Vorwurf im Communiqué, dass die La Liberté mit der Veröffentlichung dieses Briefs eine Vergewaltigungskultur verbreiten würde.“ Gumy verstehe, wenn man über diesen Leserbrief geschockt sei: “Und es tut mir leid für diese Personen und ich bedaure das. Wir haben nicht in Betracht gezogen, dass ein solches Thema solch heftige Reaktionen auslöst. Aber gegen den Vorwurf der Vergewaltigungskultur wehre ich mich ausdrücklich“, so Gumy. Der Chefredaktor weist zudem auf die Meinungsfreiheit hin, der man mit der Veröffentlichung dieses Leserbriefs gerecht werden wollte. Mit der zugesprochenen Sonderseite möchte die La Liberté ihren Kritikern etwas entgegenkommen. Ob das reichen wird, wird sich zeigen.

Wie geht eine Zeitung mit einem Leserbrief vor?

Wie aber schafft es ein solcher Leserbrief überhaupt in die Zeitung und welche Regeln muss ein Chefredaktor dabei beachten? Flattere ein solcher Brief auf die Tische der Redaktion, gehe man aus Prinzip offen heran an den Textinhalt. Dies sagt Christoph Nussbaumer, Chefredaktor der Freiburger Nachrichten: “Wir möchten unseren Leserinnen und Lesern ermöglichen, das auszudrücken, was sie denken, was sie meinen und was ihnen wichtig ist. Wir schauen dabei vor allem darauf, dass sachliche Argumente verwendet werden. Ein Leserbrief darf kritisch sein, das ist für uns überhaupt kein Problem – nach dem Grundsatz: hart, aber fair.“ Es gelte schliesslich das Gebot der freien Meinungsäusserung und in diesem Spielraum seien auch die Grenzen gesetzt, so Nussbaumer.

Leserbrief-Regeln stehen auf der Plattform

Die Freiburger Nachrichten FN würden sich nach ihren spezifischen Regeln richten, offen einsehbar auf der FN-Online-Plattform: “Dort steht zum Beispiel, dass wir in einem Leserbrief keine Polemik zulassen. Auch persönlichen Angriffe werden nicht akzeptiert. Hinzu kommen verletzende Aussagen, Verleumdungen und so weiter, bei denen wir klar zu erkennen geben, dass das so nicht geht“, so Christoph Nussbaumer. Presserechtlich seien sie schliesslich auch verantwortlich für die Publikation von Leserbriefen.

Zum aktuellen Fall der La Liberté will Christoph Nussbaumer keine Stellung beziehen. Grundsätzlich schaue sich die FN-Redaktion einen Brief genauer an, wenn inhaltlich eine Person auf ihr Äusseres, ihren Glauben oder ihre sexuelle Ausrichtung reduziert werde: “Falls solche Themen bei mir auf dem Tisch landen, dann schrillen bei mir die Alarmglocken. Für solche Fälle gilt auch bei uns das Vier-Augen-Prinzip. Häufig mit meiner Stellvertreterin kontrollieren wir solche Texte gemeinsam und entscheiden dann, was mit dem jeweiligen Leserbrief passiert“, so Nussbauer.

Grundsätzlich würden bis zu 95 Prozent der Leserbriefe bei der FN veröffentlicht. Dem Rest würde eine Absage erteilt, indem man die Argumente vorbringt. Autoren und Autorinnen von nicht gedruckten Leserbriefen würden dem Redaktionsteam häufig vorhalten, dass ja ihr eigener Name darunter stehe und sie deshalb verantwortlich für den Briefinhalt seien. Dies spiele aber keine Rolle, denn der Chefredaktor stehe bis zum Schluss in der Verantwortung.

RadioFr. - Tracy Maeder / rb
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